Exorzisten und letzte Exorzismen

Ich hasse William Friekins EXORZIST (1973). Diese piefige, verklemmte closet case-Atmosphere. Dieses Entsetzen über ein kleines Mädchen, das auch den Teppich pisst. Die nicht einmal unterschwellige Propaganda gegen alleinerziehende Mütter, die auch mal „fuck“ und „shit“ sagen, was natürlich den Satan herbeiruft. Die ganze reaktionäre Kacke, die der Film einem verkaufen will. Ich finde den alten Schinken auch erstaunlich lausig inszeniert, mit einem Spannungsbogen, der gegen Null tendiert, läppischem Makeup und Erbsensuppe als Höhepunkt der vielgelobten Effekte. Ich habe den Film das erste Mal in den späten 70ern gesehen, und natürlich fanden wir es damals toll, dass einem Priester auf die Soutane gekotzt wird, und die bösen, bösen Worte, die Linda Blair aussprechen durfte, hatte man sonst noch kaum im Kino gehört. Ich verstehe, dass manche den Film einmal gut fanden. Aber ich verstehe nicht, was ihn zu einem Klassiker machen soll. Die einzig gelungene Szene scheint mir die zu sein, in der Max von Sydow vor einer Kutsche erschrickt, in der eine alte Frau sitzt. Da stimmt ausnahmsweise das atmosphärische Setup und das Bild der Hexe, die wie der Teufel um die Ecke prischt, hat etwas hübsch Archaisches. Aber sonst kann ich dem Exorzisten nichts abgewinnen.
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Daniel Stamms THE LAST EXORCISM habe ich als eine Art Anti-Exorzisten gesehen, und das hat mir sofort eingeleuchtet. Stamms Hauptfigur Cotton Marcus (Patrick Fabian) ist ein evangelikaler Hochstapler, der, wie der Christian Science Monitor vermutet, nach dem Vorbild des sympathischen Trickster-Predigers Marjoe Gordner aus dem Dokumentarfilm MARJOE (1972) modelliert sein könnte. In der Zeichnung der Figur gelingt es, die Waage zu halten zwischen dessen eigener aufrichtiger, naiver Religiösität, und dem Ausnutzen der Religion seiner Kunden für sein Geschäft. Die Welt, in die der Film führt, ist vom religiösen Wahn geprägt, der das Phänomen der „Exorzismen“ erst möglich macht. Stamm versucht sich am Paradox, einen Horror Film über das Übernatürliche zu drehen, und zugleich den Glauben an das Übernatürliche als Quelle oder als Symptom der Psychose zu entlarven. Das gelingt erstaunlich gut, aber Horrorfilme, die ihre eigene Voraussetzung in Frage stellen, sind vielleicht noch nicht mit dem Mainstream kompatibel. Mich hat der Versuch beeindruckt.
Tom Dorow

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